11.2.2013 - Tartsche

Tartsche des hessischen Landgrafen
Tartsche des hessischen Landgrafen

Das folgende Projekt dokumentiert den Bau einer so genannten Tartsche, einer spätmittelalterlichen Schildform für den Reiter- und Fußkampf.

In Zusammenarbeit mit Andrej Pfeiffer-Perkuhn soll anhand erhaltener Stücke und publizierter Analysen eine solche Tartsche bis ins Detail nachgebaut werden. Dazu soll die Fragestellung nach der Aufhängung und Handhabe geklärt werden, da bislang keine ursprünglichen Riemen , sondern nur deren Halterungen erhalten sind.

Werfen wir zunächst einen Blick auf den Aufbau mittelalterlicher Schilde. Sowohl die Analyse spätmittelalterlicher Reiterschilde (1) als auch diverse Artikel über Tartschen und Pavesen (2) legen einen Holzkern, meist aus Linde, und einen Überzug aus Textil, Leder oder Pergament (3) dar.

 

Einige Detailbilder der Tartsche im Hessischen Landesmuseum:

Betrachtet man den Aufbau, so fällt eine Rundung im Mittelbereich und einen eher  flachen Auslauf zur Ober- und Unterkante auf. Dies weist auf eine Biegung des Grundmaterials ohne Abstützung des Rückens hin. Wird der Rücken während des Biegevorgangs durch eine Form gestützt, kann die Form beliebig geformt werden, z.B. als Teilkreis (4).

Eine Besonderheit bezüglich der Konstruktion ist die Aussparung an der oberen Seite, welche einer Lanzenrast nachempfunden ist. Zum gegebenen Zeitpunkt gehen wir von einem dekorativen Element aus, da die Aussparung für eine Reiterlanze viel zu klein ist.

Es werden also Lindenholzstreifen über Wasserdampf gebogen und zu einem Grundblock verleimt. Da zur besseren Verbindung untereinander in einigen Originalen die Oberfläche der Bretter künstlich aufgerauht wurden, wurde das Ausgangsmaterial für die Rekonstruktion sägerauh belassen und an essentiellen Stellen mit Hilfe einer feinen Handraspel weiter aufgerauht. Die Biegung erfolgt durch Aufweichung über Wasserdampf und Fixierung bis zur vollständigen Trocknung.

Die Verklebung erfolgt einzeln mit Knochenleim unter Druck. Der Block wird überlappend geklebt und im Bereich der Aussparung zur besseren Stabilität kreuzverleimt.

Mittelgrat und Seitengrate werden als Block aufgeleimt und mittels Flach- und Hohlbeitel und rückseitig mit Hobeln ausgeformt.

Da der Korpus durch den textilen Überzug und die Schicht Kreidegrund noch eine Verdickung erfährt, wird er relativ dünn ausgearbeitet.

Eine erste Schicht dünnes Leinen wird mit Knochenleim getränkt auf die Rückseite geklebt.

Ebenso die Vorderseite. Hier werden diagonal aus dem Stoff geschnittene Leinenstreifen genommen, um sich den starken Richtungsänderungen der Grate anzupassen.

Auf die erste Stoffschicht kommt nun das Herzstück der Oberfläche: Der Kreidegrund.

Die unten angegebene Literatur zeigt, dass der Aufbau der Schild- bzw. Tartschenoberfläche von Stück zu Stück variiert. Allen gemeinsam ist, dass die Außenschicht aus Kreidegrund besteht, welche auf einen Träger gesetzt wird. Dieser ist zumeist flächiges Textil oder Haut, aber auch lose Tiersehnen und Pflanzenfasern finden sich.

Wichtig ist einerseits die richtige Mischung des Kreidegrundes, damit dieser nicht zu spröde wird oder beim Schrumpfen Risse bildet; andererseits muss er in mehreren dünnen Schichten aufgetragen werden, welche einzeln durchtrocknen. Auch hier bilden sich sonst Risse. Sind alle Schichten aufgetragen, wird der Kreidegrund glatt geschliffen und die Kanten geformt.

1
Jan Kohlmorgen: Der mittelalterliche Reiterschild, Karfunkel Verlag 2002
2

Helmut Nickel: The seven Shield of Behaim,

Christel Faltermeier und Rodolf Meyer: Notes on the Restoration of the Behaim Shields

3

Zur Differenzierung zwischen Pergament und Rohhaut siehe:

Anja Alt: Zwei mittelalterliche Schilde; Technologische Untersuchungen zum Aufbau im Vergleich, Zeitschrift für Waffen- und Kostümkunde, Heft 1/2013

4

Zum Prinzip: Video einer Holzhandwerk-Serie