Rekonstruktion

Oft hört man auf einschlägigen „Mittelalter-Märkten“ oder „Historischen Spektakeln“ Sätze wie „Die waren damals ja auch nicht blöde...“. Das Resultat ist oft eine Darstellung, die dem unbedarften Besucher durchaus Spaß und Unterhaltung bringen kann, aber ein falsches Bild vermittelt. Ich befinde es allerdings nicht für Ziel führend, sich ein schöngeredetes Mittelalter zu konstruieren, sondern halte mich bei meinen Rekonstruktionen an Funde, Abbildungen und zeitgenössische Texte.

 

Sind keine oder mangelhafte Quellen vorhanden, bemühe ich mich, eine möglichst eng gefasste oder wahrscheinliche Interpretation zu verwenden. Ist beispielsweise ein bestimmter Keramiktyp 200 Jahre lang mit Ausnahme einiger Jahrzehnte in der Mitte nachzuweisen, so ist es relativ wahrscheinlich, dass er dort auch verwendet wurde. Taucht ein bestimmter Helmtyp  jedoch erst ab 1250 in Abbildungen auf, so ist er für eine Darstellung um 1220 nicht verwendbar.

Reko
Original und Rekonstruktion eines Fürspans im Vergleich

Auch wenn die Quellenlage in meiner Region nicht ganz so ergiebig ist wie beispielsweise im süddeutschen oder französischen Raum, versuche ich möglichst regionale Quellen zu erfassen. Dies soll helfen, ein noch differenzierteres und individuelleres Bild der Sachkultur in Westfalen zu zeichnen. Manchmal ist es jedoch nicht möglich, ortsnahe Vorlagen zu finden. Gerade Buntmetall- und Lederfunde sind in Deutschland im Vergleich zu unseren westlichen Nachbarn rar; die Taschenkomplexe aus den Niederlanden oder die mannigfaltigen Metallfunde aus London und York sprechen für sich. In diesem Fall muss auf solche Quellen zurück gegriffen werden, ohne jedoch aus den Augen zu verlieren, dass gewisse Stilmerkmale, wie beispielsweise englische Löwen, wahrscheinlich nicht in meinen Darstellungsbereich passen würden.

 

Ich bemühe mich, soweit möglich, auf alte Rohstoffe und Handwerkstechniken zurück zu greifen. Dies beinhaltet beispielsweise sowohl Naturstoffe, einheimische Hölzer und Pflanzenfärbungen als auch Handnähte und Schmiedetechniken nach historischen Vorbildern. Moderne Hilfsmittel wie versteckte Reißverschlüsse, Synthetikstoffe oder Maschinennähte lehne ich grundsätzlich ab.

 

Letztendlich handelt es sich fast durchgängig um Rekonstruktionsversuche, denn mit Ausnahme exakter Kopien von Einzelstücken bleibt immer ein gewisser Spielraum in der individuellen Gestaltung. Manchmal muss über die genaue Funktionsweise oder Details wie ursprüngliche Farbe oder Ergänzungen fehlender Elemente von Gegenständen spekuliert werden. Ich bemühe mich, diesen Spielraum im Rahmen der wahrscheinlichen Möglichekeiten zu halten.

 

Dennoch kommt man früher oder später an den Punkt, wo sich dem modernen Menschen Grenzen auftun. Manchmal sind bestimmte Rohstoffe nicht mehr zu erhalten, oder die Arbeitstechnik ist nicht überliefert. Hier verwende ich entweder andere Gegenstände oder bemühe mich um belegbare und adäquate Ersatzmaterialien. Dazu passe ich meine Ausrüstung dem momentanen Stand der Forschung an, was sowohl die Abänderung und Anpassung, als auch den vollständigen Ersatz bestimmter Gegenstände bedeuten kann.