Ringpanzer

Vollständiger Ringpanzer
Vollständiger Ringpanzer

Der Ringpanzer (mhd.: îsenhemd, hauberc) (1) darf wohl als einer der berühmtesten Rüstungstypen der Geschichte zählen. Seit der Antike bekannt, wurde er im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert und dem zeitgenössischen Bedarf angepasst, bis er in Europa Ende des 15. Jahrhunderts mit Ausnahme kleinerer Besatzstücke endgültig von der Bildfläche verschwand.

An erhaltenen Exemplaren finden sich heutzutage Fragmente und vollständige Stücke von der Antike bis ins 10. Jahrhundert, wie zum Beispiel die Ringpanzer des Hlg. Wenzel (ca. 910) und aus Gjermundbu (ca. 950). Danach existieren erst wieder vollständige Panzer aus dem späten 14. Jhdt. und später, wie der des Rudolf von Österreichs (vor 1358) und diverse vollständige Rüstungen aus dem 15. und 16. Jhdt (2). Der Grund für diese Datierungslücke kann nur vermutet werden. Eventuell spielt der hohe Fertigungsaufwand eines solchen Panzermaterials eine Rolle, der sich im Wert niederschlug. Daraus resultierte vermutlich eine weitesgehenden Verwertung intakten Ringpanzermaterials beschädigter Hemden in neuen Panzern. Dies könnte sowohl die Verwendung verschiedener Ringstärken und -formen innerhalb eines Hemdes, als auch die häufigen Einzelfunde unförmiger Fragmente mit teilweise beschädigten Ringen erklären.

Die heute oft gebrauchte Bezeichnung Kettenhemd ist sachlich nicht ganz richtig, da der Ringpanzer nicht aus Ketten, sondern aus Einzelringen besteht, die in einem bestimmten Flechtmuster nicht nur längs, sondern auch quer untereinander verbunden sind.

Um 1320 besteht der Ringpanzer aus einem Panzerhemd mit angesetzten Fäustlingen, zwei Beinlingen aus Ringpanzergeflecht (mhd.: zwo îsenhosen) und einer seperaten Haube. Die Haube war ursprünglich am Torso befestigt, um 1250 findet sich allerdings regelmäßig eine Separierung von Haube und Hemd (3).

Ein dreieckiger Latz (mhd.: kinvaz), der Hals, Kinn und teilweise den Mund schützte, ist bei Abbildungen angesetzter Hauben oft zu finden, jedoch auch für seperate Hauben belegt (z.B. Rottweiler Brautrelief). Ist der Kragen der Haube in Westeuropa vornehmlich rund, kann für den deutschsprachigen Raum vermehrt ein Kragen in Form zweier rechteckiger Lappen auf Brust und Rücken nachgewiesen werden (4).

In Westdeutschland war besonders die Städte Köln und Iserlohn für ihre Panzermacher, den sarwortern, bekannt, die z. B. in Köln eine der ersten Zünfte der Stadt stellten (5).

 

Da leider keine vollständigen Hemden um 1320 erhalten sind, wurde sich bei der Rekonstruktion an Panzern aus dem späten 14. Jhdt. und verschiedenen Vergleichsstücken früherer und späterer Zeit orientiert.

Der vorliegende Ringpanzer wurde aus ca. 40.000 Ringen hergestellt, wobei die Hälfte der Ringe vernietet, und die andere Hälfte gestanzt sind. Er ist analog zu erhaltenen Hemden des späten 14. Jahrhunderts und Versatzstücken späterer Zeit mit Hilfe diverser Verjüngungs- und Erweiterungsringe der Figur des Trägers angepasst, was in einer hohen Beweglichkeit resultiert.

Der analog zu Abbildungen eng anliegende und hoch abschließende Kragen ist mit Schnallen verschlossen und am Rand mit Ringen aus Messing besetzt; eine Technik die in diversen erhaltenen Originalen des 14. Jhdts. nachweisbar ist (6).

Die Rückseite der Beinlinge ist bis in Kniehöhe mit einem Schlitz versehen, welcher mit einem durch die Ringe gezogenen Lederband verschlossen wird. Diese Technik ist durch erhaltenen Ringpanzerbeinlingen aus Norwegen belegt.

Die meisten Ringe an erhaltenen Panzern weisen einen ovalen bis linsenförmigen Querschnitt auf, wobei die Nietstelle dann schiffchenförmig wirkt. Die hier verwendeten Ringe stellen als maschinell hergestellte Ringe einen Kompromiss dar, da sie flacher als die meisten Originale sind. Eine der wenigen Ausnahmen stellt das Panzerhemd des Leopold von Österreich dar, welches aus Ringen besteht, die teilweise sogar flacher und breiter als die maschinell hergestellten sind.

 

Ich beschäftige mich zur Zeit ebenfalls mit der Reproduktion von Ringpanzergeflecht, und versuche, den historischen Originalen in Optik und Funktion besonders nahe zu kommen.

Vor experimentellem Hintergrund wurden im Hemd daher verschiedene Stücke Geflecht aus eigens gefertigten Ringen eingesetzt um diese auf Haltbarkeit zu testen. Des Weiteren wurden die Ärmel bewusst unterschiedlich konstruiert. Dies erwies sich für mich als Wertvoll in Hinsicht auf die Überprüfung verschiedener hypothetischer Schnittformen, die so veri- bzw. falsifiziert werden konnten.

 

Ringpanzer: Fabian Griesler

Handschuhe: Markus Hoffmann

Quellen:

Ringpanzer

Erhaltene Exemplare

Einige erhaltene Exemplare aus dem 14. Jhdt.:

Lübeck (Ende 14. Jhdt.)

Rudolf von Österreich (vor 1358)

Leopold von Österreich (vor 1386)

Hauben aus Visby (vor 1361)

Panzerbeinlinge aus Oslo (14. Jhdt.)

Hochgräber und Epitaphen Diverse Hochgräber und Epitaphen aus dem Kurkölner, Rheinischen und Nordhessischem Raum. Hier finden sich detaillierte Darstellungen von Ailettes, Kleidungsbestandteilen und Ringpanzerelementen

Ring Weave

Vingard Vike

Metallographische Analyse von Ringpanzergeflecht in Oslo, Besprechung eines Paars erhaltener Beinlinge

Universität Oslo, masch., 2000

1 Gösta Ditmar-Trauth: Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Eigenverlag, Münster, 2006, S.561ff
2 Mit Ausnahme einiger fraglicher Datierungen wie z.B. der Ringpanzer im Zeughaus Köln, welcher angeblich aus der Mitte des 13. Jhdts stammt.
3 Diese Trennung ist vereinzelt auch schon früher nachweisbar, scheint dort aber eher die Ausnahme zu sein, z.B. im Evangeliar von Averbode (1165-1170) 
4 Z.B. Mauritiusstatue, Magdeburg (ca. 1250); Miniaturen aus dem Ms. Add. 17687 (ca. 1280)
5 Robert Dörner: Das Sarworter- und Schwertfegeramt in Köln, Diss., Freiburg, 1915, S. 3ff
6 Panzer des Leopold von Österreich, Panzer aus Lübeck (s.o.)