Polsterkleidung

Polsterjacke
Polsterjacke

Anfang des 14. Jahrhunderts trägt der Ritter einen fast den ganzen Körper bedeckenden Ringpanzer, häufig über einem textilen Kleidungsstück, welches in der Literatur unter den unterschiedlichsten Namen wie Polsterjacke, Gambeson, Aketon etc. bekannt ist (1).

Über den konkreten Aufbau dieses Bestandteils kann, abgesehen von Textquellen, erst ab Ende des 14. Jahrhunderts etwas Sicheres gesagt werden. Es existieren mehrere abgesteppte Kleidungsstücke wie ein Pourpoint von Charles de Blois, und ein Gambeson des Königs von Portugal. Hier wird ein Aufbau aus mehreren Lagen Leinen, einem Bezugs- und Futterstoff und einer Füllung deutlich.

Entgegen landläufiger Meinung schützt auch ein Ringpanzer ohne zusätzliche Polsterung nicht nur gegen Schnitte sondern auch bis zu einem gewissen Grad gegen stumpfe Gewalt und Stiche. Dieser Schutz wird durch einen zusätzlichen (durchaus dünnen) textilen Träger verstärkt, den Ringpanzer durchschlagende (und somit in ihrer Wucht geminderte) Waffen bleiben in den Textilien hängen, Stöße und Hiebe verlieren ihre Wucht teilweise durch ihre großflächige Verteilung, ohne dass unbedingt eine dicke Polsterung vorhanden sein muss. Zudem dient das Kleidungsstück als Scheuerschutz gegen die Ringe des Panzers.

Die Frage nach der Dicke der Polsterung ist nicht einfach zu beantworten. Betrachtet man zeitgenössische Abbildungen, fallen im Allgemeinen die schlanken Staturen Bewaffneter auf. Dies dürfte einerseits dem gotischen Schönheitideal geschuldet sein, andererseits auf eine relativ dünne Panzerung hinweisen.

Dennoch finden sich beispielsweise Abbildungen, die bei schlanken Beinen klobige Arme zeigen, was wiederum ein Hinweis auf echte, verdickte Polsterung sein kann (2).

Als Füllmaterial ist eine Füllung sowohl aus Wolle als auch aus Rohbaumwolle möglich, was uns die erhaltenen Stücke aufzeigen. Die stichhemmende Wirkung von Rohbaumwolle erhöht theoretisch die Schutzwirkung noch weiter; die explizite Nennung in englischen Texten, und die Herkunft des Namens Aketon von Al'Quatum (arab. Baumwolle) sprechen also für die Dominanz der Baumwolle als Füllmaterial, gerade bei reinen Körperpanzerungen. In Londoner Handwerksordnungen aus dem Jahr 1322 findet sich hingegen die Verwendung von "cotton", was in der englischen Sprache im Gegensatz zu seiner heutigen Bedeutung bis ins 16. Jhdt. auch für ein loses Wollgewebe stand (3).

Anhand der geringen Anzahl an erhaltenen Exemplaren und Fragmenten kann als Folgerung leider keine valide Aussage über einen möglichen zeitlichen Gradienten in der Verwendung von Wolle zu Baumwolle getätigt werden. Die Polsterjacke des Königs von Portugal beispielsweise ist das jüngste der vollständig erhaltenen Exemplare und ist mit Wolle gefüllt, während die ältesten französischen ExemplareBaumwolle beinhalten.

Die vorliegende Polsterjacke besteht als früherer Vertreter aus mehreren Lagen Leinen mit einer Füllung aus grobem Wollstoff in Leinwandbildung und ist mit gewachstem Leinenzwirn abgesteppt.

Die Jacke ist relativ dünn und im getragenen Zustand trotz der scheinbaren Steife gut beweglich und nicht bewegungseinschränkend.

 

Herstellung: Fabian Griesler

Quellen:

Codex Manesse

Süddeutschland

Cpg 848

1304-ca.1340


Die Manessische Liederhandschrift ist ein einzigartiges Zeugnis von Kleidung und Sachkultur Anfang des 14. Jhdts. Durch die Vermischung von historisierenden und zeitgenössischen Elementen ist bei der Interpretation der Vergleich zu anderen Quellen geboten.

Nequambuch

Soest

ab 1315

Abt. A Nr. 2771

Das Soester "Nichtsnutz"-Buch führt anhand von Abbildungn Strafen gegen Gesetzesverstöße an. Das Buch wurde 1315 begonnen, aus dieser Zeit stammen auch die sorgfältigen Zeichnungen, die besonders detailliert Kleidung zeigen.
Hochgräber und Epitaphen Diverse Hochgräber und Epitaphen aus dem Kurkölner, Rheinischen und Nordhessischem Raum. Hier finden sich detaillierte Darstellungen von Ailettes, Kleidungsbestandteilen und Ringpanzerelementen

Biblia pauperum

1310-1320

Cod. III 207

Armenbibel aus Oberösterreich oder Südwestdeutschland. Hier werden in feinen Federzeichnungen mit klarer Linie Kleidung, Alltagsgegenstände und Militari abgebildet.

Paltok

Charles de Blois

Frankreich ca. 1364

Der Paltok des Charles de Blois ist das früheste erhaltene Exemplar abgesteppter Kleidung, und ist trotz seines zivilen Ursprungs ein wertvoller Hinweis auf die Zusammensetzung des schichtartigen Aufbaus von Textilpanzern.

Textilpanzer

Dom João I

Portugal nach 1385

Ein Hinweis auf Wollfüllung bei Textilpanzern. Der Panzer ist mit gekämmter Wolle gefüllt, und mit Seidenbrokat überzogen
1 Gösta Ditmar-Trauth: Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Eigenverlag, Münster, 2006, S.541
2  Eine im Mittelalter oft verwendete symbolische Herabwertung durch Darstellung veralteter Kleidung und Wehrtechnik, zum Beispiel die die Israeliten verfolgende ägyptische Armee oder schlafende Wächter.
3 Mikhalia et al.: Tudor Tailor, Costume and Fashion Press, Hollywood, 2006, S. 36