Beinlinge

Beinlinge
Beinlinge und Bruche

Beinlinge (mhd. hosen) sind zwei einzelne Hosenbeine, die mittels einer Schnur am Bund der Unterhose festgebunden werden (1). Das gotische Schönheitsideal sah schlanke Gliedmaßen vor (2), so dass die Beinlinge besonders eng anlagen. Dies wurde durch die Verwendung dehnbarer Stoffe wie beispielsweise Wolle in Köperbindung, und teilweise durch den Schnitt diagonal zum Stoffverlauf erreicht, was die erhaltenen Funde belegen (3). Zudem wanderte der Kleidungssaum der Männermode im Laufe des 14. Jhdts. immer weiter nach oben, weswegen die Bruche immer enger und die Beinlinge immer höher gezogen wurden. Um 1350 begegnen uns erste Abbildungen im französischen Raum, die eine Befestigung der Beinlinge an mehreren Punkten seitlich des Körpers, zuerst an Unterhosen, dann auch an seperaten Wämsern, zeigen. Blieb bei diesem Schnitt nur noch der Schritt und Gesäß frei, mündete gegen 1400 diese Entwicklung in der vollständigen Hose. Dennoch sind Beinlinge bis in Abbildungen des 17. Jhdts. nachzuweisen, vornehmlich aber im ärmeren oder bäuerlichen Umfeld.

Beinlinge besaßen meistens angesetzte Füßlinge, Stege die sie gegen das Hochrutschen schützten tauchen, von einzelnen Darstellungen abgesehen, in größerer Zahl erst mit Abbildungen von Hosen aus dem 15. Jhdt. auf.

Die Beinlinge wurden nach einem Fund in Herjolfnes  gefertigt und bestehen aus diagonal zum Fadenverlauf geschnittenem Wollköper. Der Oberrand wurde mit einem doppelten Rückstich gesäumt, die Nestellöcher zur Aufnahme der Befestigungsschnur wurden mit Leinen hinterlegt.

 

Anfertigung: Fabian Griesler

Quellen:

Sachsenspiegel

Eike v. Repgow

1. Hälfte 14. Jhdt. 

Ms. Dresd. M. 32 (Dresden)

Das älteste Rechtsbuch in deutscher Sprache regelt Land- und Lehnrecht, und beschreibt damit das bestehende Gewohnreitsrecht. Es existieren vier bebilderte Handschriften aus Dresden, Heidelberg, Oldenburg und Wolfenbüttel; hier finden sich Abbildungen von Alltagssituationen und -gegenständen.

Maciejowski-Bibel

Ca. 1250

Ms M. 638


Trotz des zu frühen Zeitraums zeigt die Maciejowski-Bibel Details mittelalterlicher Kleidung und Alltagsgegenstände so genau, dass sie als Vergleichsquelle zu anderen Darstellungen hinzugezogen werden kann.

Biblia pauperum

1310-1320

Cod. III 207

 

Armenbibel aus Oberösterreich oder Südwestdeutschland. Hier werden in feinen Federzeichnungen mit klarer Linie Kleidung, Alltagsgegenstände und Militari abgebildet.

Biblia pauperum

1330-1340

Cod. s.n. 2612

Armenbibel aus Österreich. Hier finden sich kolorierte Zeichnungen von Kleidung und Alltagsgegenständen.

Woven into the Earth

Else Ostergaard

Der hier aufgearbeitete Fundkomplex von Herjolfsnes bietet trotz seiner periphären Lage einen einzigartigen Einblick in Nahttechniken, Schnitte, Stoffe und Färbungen europäischer Kleidung über mehrere Jahrhunderte.

Aarhus University Press, Aarhus 2004

1
Gösta Ditmar-Trauth: Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Eigenverlag, Münster, 2006, S. 382ff
2 Erika Thiel: Geschichte des Kostüms, Henschel Verlag, Berlin, 2000, S. 125ff
3 Besonders anschaulich an einem erhaltenen Paar Beinlinge des Robert I von Courtenay. Diese bestehen aus gemustertem Wollbrokat, und sind wie Vergleichsstücke aus Herjolfness am Oberrand gestückelt. Hier wurde aber auf maximale Dehnbarkeit statt auf Kontinuität des Musters geachtet.