Ailettes

Ailettes: Schenk von Limpurg
Schenk von Limpurg

Ab ca. 1280 (1) begegnen uns Abbildungen und Plastiken, die auf den Schultern von gepanzerten Rittern meist rechteckige, seltener auch anders geformte (2) Platten zeigen. Diese finden sich sowohl im englischen und französischen, aber verstärkt auch im rheinischen und westfälischen Raum.  Diese Schilde, in der modernen Literatur Ailettes genannt, finden sich bis ca. 1330 (3) und verschwinden dann wieder. Ihre Funktion, Aufbau und Trageweise sind ungeklärt und in der Fachwelt umstritten.

 

Bei farbigen Abbildungen finden sich stets die Wappen- bzw. Kleidungsfarben des Trägers, sehr häufig auch das entsprechende heraldische Symbol (4). Fast weltbekannt dürfte die Miniatur des Schenk von Limpurg aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift sein, welche ihn kniend mit Ailettes auf den Schultern zeigt. Die Erscheinung von Ailettes fällt dazu ungefähr in den Zeitrahmen, in dem zunehmend regelmäßig Wappen bzw. heraldische Symbole auf Überröcken über der Rüstung von Rittern zu finden sind (5). Dies legt nahe, dass diesen Schulterschilden vornehmlich heraldische Funktion zugeschrieben werden kann.

Sir Geoffrey Luttrell
Sir Geoffrey Luttrell

Dennoch wäre es voreilig, ihnen lediglich diesen Zweck zuzubilligen, zumal die vielfach wiederholte Applikation von Wappen auf ebenfalls öfters verwendeten Stoffelementen an Rüstungen ab Anfang des 14. Jhdts. die Identifikation ihres Trägers von allen Seiten problemlos möglich gemacht haben dürfte. Zur Diskussion steht somit ebenfalls die Verwendung als zusätzliches Panzerungselement der exponierten Schulterpartie. Einwirkende Gewalt von oben dürfte beim Berittenen seltener vorgekommen sein als von der Seite, dies deckt sich mit der im Allgemeinen eher senkrechten Positionierung der Ailettes auf der Schulter (6). Die teilweise vertretene These, Ailettes schützten die Schulter vor vom Helm abgleitenden Hieben, ist durch die zwischen Ailette und Helm auftretende Lücke nicht aufrecht zu erhalten.

 

Dies führt uns zur Frage der Befestigung, welche bislang auf keiner Darstellung einwandfrei zu identifizieren ist. Selbst bei wenig stilisierten Abbildungen findet sich auch bei bewegtem Arm häufig eine annähernd senkrechte Position, hinzu sind auf der nach Außen gewandten Seite keine Schnüre oder Niete zu finden. Wahrscheinlich ist daher eine Befestigung auf der Rückseite (beispielsweise durch zwei Ösen und Schnüre) welche sich auch im Nachbau bewährt hat. Diese Befestigung muss sich an den Ailettes zwischen der Mitte und dem oberen Drittel befunden haben, da sie so das Schulterniveau zwar immer ein deutliches Stück überragen, aber immer noch nach unten hängen können. Dazu korrespondierend würde ein Befestigungspunkt auf Seiten des Ringpanzers am äußeren Schulterwinkel passen.

Heinrich der Jüngere
Heinrich der Jüngere

Da diese Argumente stark für eine Schutzfunktion sprechen, wenden wir uns nun dem verwendeten Material zu, für welches grundsätzlich sicher jeder denkbare Werkstoff in Frage kommt. Besieht man sich detaillierte Plastiken wie die Marburger Grabplatten von Heinrich dem Jüngeren (7) und Otto I (8), fallen verdickte Ränder mit einem an Wicklungen erinnernden Profil auf. Vergleichbar findet sich beim Epitaphen des Arnold von Kleve (9) ein dreischichtiger Randaufbau mit Nähten. Dies könnte ein Hinweis auf eine Kompositbauweise aus weicherem Material wie Leder oder Stoffschichten, einen ringsum verlaufenden verstärkten Rand sein oder aber auf ein in Leder oder Pergament eingenähtes Stück Holz sein. Eine Konstruktion aus Metall ist grundsätzlich möglich, befinden wir uns doch in einem Zeitraum, in dem durch verbesserte Technologie vermehrt Panzerungskomponenten aus Metall aufkamen (10). In diesem Fall würde aber ein weiterer stabilisierender Rand wie bei den Marburger Plastiken nicht mehr notwendig sein. Die auch im Vergleich zur restliches Statue relativ dicke Darstellung der Ailettes am Wassenberger Chorgestühl (11) spricht ebenfalls gegen eine einfache Blechplatte.

Arnold von Kleve
Arnold von Kleve

Schlussfolgerung:

Die Funktion von Ailettes als Defensivwaffe gegen seitliche Schläge ist wahrscheinlicher als gegen vom Helm abgleitende Hiebe oder rein heraldische Funktion.

Analog zu erhaltenen Schilden des Zeitraumes bleibt übereinstimmend mit der bisherigen Meinung eine Kompositbauweise aus Lindenholz mit Pergament- oder Leinenbezug weiterhin am wahrscheinlichsten, da die Bauweise selbst belegt ist (12), schnell erneuert und gut verziert werden kann.

 

Der bisherige Forschungsstand zu Ailetten ist noch sehr übersichtlich, vor allem gibt es, trotz mehrfacher Rekonstruktion (13), bislang keine durchgeführten Haltbarkeitstests bzw. Vergleich der Konstruktionen untereinander. Dies wird demnächst an dieser Stelle folgen.

 

Zu einigen meiner eigenen Rekonstruktionen: Ailetten

1 Früheste mir bekannte Plastik von Ailettes auf der Grabplatte von Richard de Buslingthorpe, St Michael, Buslingthorpe, um 1280
2
Zu sehen u.A. in Jacob van Maerlants Spieghel Historiael (KB KA 20), Niederlande, ca. 1325, fol. 146v
3 Abbildung Sir Geoffrey Luttrell, Luttrell-Psalter (Add. MS 42130), London, ca. 1325-1335, fol. 202v
4 Z.B. Epitaph des Eberhard von der Mark, Frondenberg, 1308
5 Gösta Ditmar-Trauth: Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Eigenverlag, Münster, 2006, S.536f
6 Besonders bei vollplastischen Grabmählern und Epitaphen sichtbar, wo die Arme durch die betende Haltung vor den Körper geführt werden, die Ailettes aber in Position bleiben
7 Hochgrab Heinrich der Jüngere, Stiftskirche, Marburg, 1298
8 Epitaph Otto I, Stiftskirche, Marburg, 1328
9 Epitaph des Arnold von Kleve, St Maria Himmelfahrt, Kleve, 1330
10 Gösta Ditmar-Trauth: Alltag und Sachkultur des Mittelalters, Eigenverlag, Münster, 2006, S.527
11 Köln, 1298. Heutiger Standort: Sammlung Schnütgen, Köln, Inv. Nr.: A 802
12 Alle bis dato erhaltenen Schilde publiziert in: Jan Kohlmorgen: Der mittelalterliche Reiterschild, Karfunkel-Verlag, Wald-Michelbach, 2002, ISBN 978-3935616102
13 Reproduktionen im Rahmen der "lebendigen Geschichte" z.B. bei den Gruppen Historia Vivens und De Liebaart.